Was mich wirklich schockiert, wenn ich so darüber nachdenke…

Was mich an der Geschichte von Wien tatsächlich schockiert, ist gar nicht der Gedanke daran, was da alles hätte passieren können, sondern viel mehr, was da nicht passiert ist: Kein Schwein hat mich gefragt, wo ich gewesen war! Keiner hat mich vermisst, niemand hat nachgefragt. Wenigstens die beiden Lehrer hätten doch darüber nachdenken müssen was geschieht, wenn ein 19jähriges Schweizer Landei alleine in einer Europäischen Grossstadt unterwegs war. Oder etwa nicht? Vielleicht haben die meine Abwesenheit nicht mal bemerkt.

War ich unsichtbar?

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Was da alles passieren könnte, wenn man nur darüber nachdächte

Eigentlich wäre ich eine abenteuerlustige Person.

Wenn ich mir nur nicht immer selber im Weg stehen und ausdenken würde, was alles passieren könnte.

Worst-Case-Horror-Szenaren sind neben kreativen Ausreden meine zweite Meisterdisziplin. Aber zwischendurch stürze ich mich in Abenteuer, die andere, allen voran mein rationales Über-Ich, als Dummheit betiteln würden. Mit dem Resultat, das ich das Abenteuer zwar erlebe, aber nicht geniessen kann, weil mein Über-Ich ständig reinruft, wie gefährlich das alles ist und was alles Furchtbares geschehen kann.

Auf der Maturareise nach Budapest machten wir in Wien Zwischenhalt. Ich hatte die ganze Nacht im Nachtzug herumgeknutscht und konnte kaum die Augen offen halten. Meine Gedanken waren bei dem Jungen mit dem ich zwar eine Art sexueller Beziehung hatte aber der nicht mit mir gehen wollte. Ich war verliebt und gleichzeitig zu stolz, es zuzugeben. Auf Netzdeutsch gesagt: Es war kompliziert.

Jedenfalls hat uns unser Deutschlehrer, der als junger Mann in Wien studiert hatte, durch die Stadt geführt und uns die schönsten Orte gezeigt. Danach fuhren wir zurück zum Hotel, um ein wenig auszuruhen. Wir durften auf eigene Faust die Stadt erkunden. Danach sollten wir uns beim Burgtheater treffen, um Tickets zu ergattern, gemeinsam zu Abend essen und danach ins Theater.

Nach der Freinacht und dem kilometerweiten Herumlaufen war ich so nudelfertig, dass ich mich eiine Stunde hinlegen wollte. Oh Schreck: Als ich aufwachte war schon 18h00, die Zeit, zu der wir abgemacht hatten. Ich rannte trotzdem los, fuhr mit dem Tram an den Treffpunkt, aber natürlich war keiner mehr dort. Man glaubts nicht: 1990 gab’s keine Handys. Ich hatte keine Möglichkeit, meine Klasse oder einen der Lehrer zu erreichen.

Das Gescheiteste wäre gewesen, ins Hotel zurückzukehren und dort auf die anderen zu warten. Aber verdammt, ich war 20 Jahre jung, in einer tollen, fremden Stadt, ausgeruht und wollte etwas erleben. Das war meine Chance! Nur wusste ich natürlich überhaupt nichts über Wien. Ich hatte weder einen Reiseführer noch einen Stadtplan. Und da sass ich nun.

Es hatte einen kleinen Park und zahllose Zeitungsverkäufer. Als ich so auf einer Parkbank sass und überlegte, was ich nun tun sollte, kam einer dieser Verkäufer auf mich zu. Ob ich eine Zeitung wolle. Nein. Was ich hier täte, so jung, so schön und so alleine. Ich riet ihm, mir nicht zu nahe zu kommen. Meine Vorurteile und alles, was ich je von meiner Mutter als Lektion gehört hatte, liess die Alarmglocken in meinem Hinterkopf laut läuten.

Er sei Iraner, und Flüchtling, und Muslim und er dürfe mir schon seiner Religion wegen nichts tun und müsse schon deshalb hilfreich sein.

Ich klagte ihm mein Dilemma. Er lud mich zu sich nachhause ein. Bot mir ein Nachtessen an. Aus irgend einem Grund ging ich mit. Man wollte ja etwas erleben. Angst hatte ich auch.

„Du spinnst! Du kennst den ja nicht mal! Man geht nicht mit fremden Männern! Kein Schwein weiss, wo du bist!“

Die Stimme in meinem Hinterkopf hatte natürlich Recht aber ich hatte keine Lust, auf sie zu hören. Der Mann war sehr freundlich, ich fuhr gemeinsam mit ihm in der Strassenbahn zu seinem Zuhause. Er wärmte mir Couscous und Gemüse auf, wohl die Reste seines Mittagessens. Seine Küche war ärmlich eingerichtet, ganz eng, der Tisch hatte nur Platz für zwei Leute. Er erzählte von seinem Leben, dass er studieren wollte und sich das Geld dafür mit Zeitungsverkauf verdiente. Ich erzählte nicht viel, versuchte nur die innere Stimme zum Schweigen zu bringen, die mir immer lauter ins Ohr heulte.

Als noch zwei jüngere, ebenfalls arabisch aussehende Männer herein kamen – ich nehmen an, sie wohnten ebenfalls dort – bekam ich es endgültig mit der Angst zu tun. Ich stand auf und bestand darauf, dass ich nun in mein Hotel zurückkehren müsste, man mich sonst vermissen würde. Der freundliche Mann, der so uneigennützig eine wildfremde Person mit sich nachhause genommen und sein Abendessen mit ihr, also mir, geteilt hatte, bemerkte mein Unwohlsein und bot mir an, mich zur Strassenbahn zu bringen. Er erklärte mir noch, wie ich fahren musste und wo ich umsteigen sollte.

Ich kann mich nicht mal mehr daran erinnern, ob ich mich bei ihm für das Essen und die nette Gesellschaft bedankt habe!

Wenn ich ihn nach seinem Namen und Adresse gefragt hätte, hätte ich ihm eine Dankeskarte schicken können. Dafür hatte ich aber plötzlich zu grosse Angst. Ich wollte nur noch weg dort.

Deshalb auf diesem Weg: Lieber, freundlicher Fremder, der im Frühjahr 1990 in Wien sein Abendessen mit mir geteilt hat, vielen herzlichen Dank für Deine Hilfe, Deine Freundlichkeit und Dein Verständnis für meine Ängste! Denn ich habe mich Dir gegenüber beleidigend verhalten, als ich so plötzlich davon rannte. Also danke!