Nadja

In der Sekundarschule ging Nadja in meine Parallelklasse, dann lernte sie Frisörin und ich war auf dem Gymnasium. Wir kannten uns kaum. Nachdem ich aus dem Ausland heimgekommen war, traf ich sie mal in der Stadt und sie sprach mich auf die Frisur an, die ich direkt aus Paris mitgebracht hatte. Kurz und schief, weiss blondiert, passend zu der Lederjacke, liess sie mich wie jemanden aussehen, den man besser in Ruhe liess.

Nadja fand, die Frisur würde zu mir passen. Sie sagte: Du hast Dir doch die Haare ausgerissen, tust Du das nicht mehr?

Ich war platt, denn ich hatte all die Jahre meine Abartigkeit gut versteckt gehabt.

„Weisst Du, ich habe noch andere Kundinnen, die das machen, das kommt oft vor.“

Ich wusste nicht, was ich damit anfangen sollte.

Wir tauschten Adressen.

Trafen uns mal in der Teestube beim Rathaus. Fanden uns sympathisch.

Sie wurde meine Freundin. Sie war mit einem sehr viel älteren Mann zusammen, einem groben, unfreundlichen Menschen, der es nicht gerne sah, wenn sie mit uns eine gute Zeit hatte.

Sie war über Jahre die einzige Person, die an meine Haare durfte. Und sie war die Einzige die es mitbekam, als „es“ wieder schlimmer wurde. Sie tröstete mich, baute mich auf, half mir, „es“ zu verstecken.

Als ich mitbekam, dass ihr Freund sie schlug, war ich eine schlechte Freundin.

Ich wusste nicht, wie ich reagieren sollte. Ich wollte mich nicht aufdrängen. Hatte Angst, mich zu blamieren.

Ich war eine schlechte Freundin.

Dafür schäme ich mich bis heute, 20 Jahre danach.

Ich wollte, ich könnte etwas anders machen. Ich wollte, ich könnte ihr sagen, wie leid mir meine Feigheit von damals heute tut.

Sie kam von dem Mann los, ging ins Ausland, kam zurück, fand ein neues Leben mit einem lieben Mann. Sie hat ihren Weg auch ohne meine Hilfe gemacht. Aber vielleicht wäre es mit meiner Hilfe einfacher gegangen?

Liebste Nadja, manchmal denke ich an Dich und hoffe, Du hast Dein Glück finden können!