Die Klassiker und ich

Ich kann mich nicht erinnern, je aus dem Haus gegangen zu sein, ohne Lesestoff in der Handtasche oder dem Rucksack. Ich las alles, aber am liebsten Fantasyromane und leichte Unterhaltungsliteratur. Alles, ausser die Klassiker. Mein 18jähriges Ich weigerte sich partout, die alten Klassiker zu lesen. Damals, auf dem Gymnasium, gab es ein einziges Buch, das ich für den Deutschunterricht las: Kindlers Literatur Lexikon. Um die Orignale in ihrer (aus der Sicht einer 18jährigen der 1980er Jahre) holperig-mühsamen Sprache zu lesen, hätte ich zu viel meiner Lebenszeit hingeben müssen, die ich (wiederum aus der Sicht einer 18jährigen der 1980er Jahre) besser mit Bier trinken und im Aarepark beim Camping Eichholz mit den Kumpels abhängen verbrachte.

So war das damals. Top Gun, Dirty Dancing, Zigaretten rauchen als gäbe es kein Morgen und die Gurten Brauerei produzierte noch echtes Bier und nicht die Plörre aus Rheinfelden…  Lange Musik und laute Haare… und wer erinnert sich noch an Pacman und die ersten Text-Adventures? Dafür lernte sogar ich Englisch! Aber das hier soll jetzt nicht in ein nostalgisches Geweine ausarten…!

Jedenfalls interessierte sich in unserer Klasse keine Sau für die grossen Klassiker der Weltliteratur und die weinerliche deutsche Nachkriegsliteratur riss auch keinen vom Hocker. Wir bereiteten uns auf die technisch-naturwissenschaftliche Matura vor und der PC war eben knapp erfunden worden. Handys gab es schon, sie hiessen „Nationales Auto Telefon“ (Na-Tel) und wurden in einem Koffer transportiert. Ein Klassenkamerad, Jan hiess er glaub, hatte technikaffine Eltern mit dazu passendem Budget und er brachte gerne die neuesten Spielsachen mit. In eines der letzten Skilager vor der Matur brachte er einen portablen Computer, einen Laptop, mit. Ein Riesending, das eine halbe Tonne wog, aber es hatte die geilsten, fortschrittlichsten Spiele drauf, die man sich zum damaligen Zeitpunkt vorstellen konnte. Grafische Umsetzungen der Olympischen Spiele und es gab Winter Games und Summer Games.

Anyway, ich wollte eigentlich keine Geschichten aus dem Krieg erzählen.

Die Klassiker der Weltliteratur, genau.

Also, die interessierten uns einfach nicht. Unsere Begeisterung ging so weit, dass unser Deutschlehrer Vier-Gewinnt-Spiele in der Klasse verteilte, um störungsfrei unterrichten zu können. Der Französischlehrer machte es ein wenig besser: Er wich von der hohen Literatur ab und ging zum französischen Kunstcomic über. Da gibt es ja so einiges, was 18jährige zu begeistern vermag. Und die französischen Küche, Wein und Käse. So lässt es sich gut Französisch lernen.

Ich könnte noch lange so weiter erzählen, und später werde ich sicher auch mal darauf zurückkommen, aber heute wollte ich eigentlich über meine neu – oder überhaupt – erwachte Begeisterung für die grossen literarischen Werke der deutschen und englischen Sprache berichten. Seit ich selber schreibe fällt mir nämlich mehr und mehr auf, welch grosser Mist da auf dem Buchmarkt sich herumtümmelt und wenn etwas mit „Bestseller“ angeschrieben ist, kann man fast sicher darauf zählen, dass es sich um eine zähfädige, mit Plattitüden und Wiederholungen angeschwollene Geschichte handelt, deren Qualität kaum erträglich ist und die sich nur und wirklich nur deshalb überhaupt verkauft, weil der Verlag gross „Bestseller“ darauf geschrieben hat und weil die Menschen wie Lemminge funktionieren und davon ausgehen, dass wenn ganz viele etwas kaufen, dies für dessen Qualität spräche. Was natürlich keine Zwangsläufigkeit ist.

Aber item. Ich war also neulich in der beklemmenden Lage, nichts zum Lesen zu haben (letzteres ist selbstverständlich metaphorisch gemeint, ich habe mehrere Laufmeter Bücherschränke, aber das tut nichts zu Sache wenn man gerade keine Lust hat, etwas daraus wieder zu lesen).  Mehrere Fehlkäufe bei Neuerscheinungen – und es ist wirklich selten, dass ich Bücher nach wenigen Seiten weglege weil ich sie nicht zum Aushalten finde, ich lesen sonst jeden Mist! – haben mich vorsichtig werden lassen.

Und da geschah es, dass mir eine Freundin davon erzählte, dass es im Kindle Shop bei Amazon kostenfrei die grossen Klassiker der Weltliteratur gäbe. Logisch, wie ich nun mal bin, dachte ich mir: „wenn die so lange überlebt haben, werden sie etwas weniger grottig sein als der übliche Mist auf dem Büchermarkt“.

Und dann blieb ich hängen. Artur Schopenhauer habe ich mir runtergeladen, Mark Twain und Jules Verne. Dann entdeckte ich Edgar Wallace und Oscar Wilde, Andersen und Morgenstern. Und nun bin ich auf ewig verloren, denn bis ich meinen Rückstand bei den Klassikern aufgeholt haben werde, werden etwa 30 Jahre vergehen und statistisch gesehen ist es unwahrscheinlich, dass ich mit über 70 noch selber Bücher schreiben werde. Nun, wir werden sehen. Aber bis dahin amüsiere und instruiere ich mich mithilfe der Kostenlosen Klassiker bei Amazon.