Der neue Mieter

Monsieur Knoblauch ging langsam das Geld aus. Die untere Wohnung stand seit Monaten leer und er fand keinen Mieter, der bereit war, die geforderte Summe zu bezahlen. Dabei hatte Monsieur Knoblauch genauestens ausgerechnet wieviel er benötigte, um eine Erwerbstätigkeit vermeiden zu können.

Am der grossen Herbstkirmes von Sainte-Barbara-l’Eglise hatte er die brillante Idee, eine Suchanzeige direkt am Fensterladen zu befestigen. Und siehe da: Es fand sich ein Mieter. Ein freundlicher, unauffälliger Herr durchschnittlichen Aussehens, scheints in einer festen Anstellung und daher imstande, die Monatsmieten zu bezahlen. Monsieur Knoblauch erlaubte sich,  innerlich zu jubeln.

Um den Mann nur ja nicht wieder zu vergraulen – Knoblauchs Bank drohte schon mit Kreditsperrung – liess sich Monsieur Knoblauch gar zu körperlicher Arbeit herab und strich das Appartement in einem edlen Hellgrün. Die Farbe hatte er günstig im Military Surplus erstehen können und sie roch bei näherem Ansehen nicht nach etwas, das er Tag und Nacht einatmen wollen würde, aber wer eine saubere Wand möchte, muss Opfer bringen. Ausserdem stand im Vertrag „frisch gestrichen“, nicht „lösungsmittelfrei“. Monsieur Knoblauch hatte Rechtswissenschaften studiert, bevor er sie als Privatier niederliess, und kannte er sich mit präzisen Formulierungen aus.

Tatsächlich war er am Ende doch noch genötigt, einen funktionierenden Kochherd einzubauen und den Thermostaten der Zentralheizung reparieren zu lassen, weil die bestehenden Mietparteien seine Notlage schamlos ausnutzten und auf Privilegien bestanden. Dabei waren sie bisher zufrieden gewesen.

Herr Knoblauch fand das zwar übertrieben, aber er fügte sich. Was blieb ihm auch anderes übrig?

Der neue Mieter überwies wie vereinbart pünktlich Ende Monat die Miete für den Folgemonat.

Keiner hatte ihn bisher gesehen, die Fensterläden blieben weiterhin geschlossen. Nur manchmal kamen komische Geräusche aus der Wohnung, aber solange sich der neue Mieter nicht über den Lärm der Familie über ihm und die Fahrräder im Korridor beschwerte, war alles in Ordnung.

Mehr wollte Monsieur Knoblauch nicht wissen und begab sich ins Café am Wasserfall, um dort ein Glas Rosé zu trinken und Le Monde Diplomatique zu lesen.

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Was mich wirklich schockiert, wenn ich so darüber nachdenke…

Was mich an der Geschichte von Wien tatsächlich schockiert, ist gar nicht der Gedanke daran, was da alles hätte passieren können, sondern viel mehr, was da nicht passiert ist: Kein Schwein hat mich gefragt, wo ich gewesen war! Keiner hat mich vermisst, niemand hat nachgefragt. Wenigstens die beiden Lehrer hätten doch darüber nachdenken müssen was geschieht, wenn ein 19jähriges Schweizer Landei alleine in einer Europäischen Grossstadt unterwegs war. Oder etwa nicht? Vielleicht haben die meine Abwesenheit nicht mal bemerkt.

War ich unsichtbar?

Was da alles passieren könnte, wenn man nur darüber nachdächte

Eigentlich wäre ich eine abenteuerlustige Person.

Wenn ich mir nur nicht immer selber im Weg stehen und ausdenken würde, was alles passieren könnte.

Worst-Case-Horror-Szenaren sind neben kreativen Ausreden meine zweite Meisterdisziplin. Aber zwischendurch stürze ich mich in Abenteuer, die andere, allen voran mein rationales Über-Ich, als Dummheit betiteln würden. Mit dem Resultat, das ich das Abenteuer zwar erlebe, aber nicht geniessen kann, weil mein Über-Ich ständig reinruft, wie gefährlich das alles ist und was alles Furchtbares geschehen kann.

Auf der Maturareise nach Budapest machten wir in Wien Zwischenhalt. Ich hatte die ganze Nacht im Nachtzug herumgeknutscht und konnte kaum die Augen offen halten. Meine Gedanken waren bei dem Jungen mit dem ich zwar eine Art sexueller Beziehung hatte aber der nicht mit mir gehen wollte. Ich war verliebt und gleichzeitig zu stolz, es zuzugeben. Auf Netzdeutsch gesagt: Es war kompliziert.

Jedenfalls hat uns unser Deutschlehrer, der als junger Mann in Wien studiert hatte, durch die Stadt geführt und uns die schönsten Orte gezeigt. Danach fuhren wir zurück zum Hotel, um ein wenig auszuruhen. Wir durften auf eigene Faust die Stadt erkunden. Danach sollten wir uns beim Burgtheater treffen, um Tickets zu ergattern, gemeinsam zu Abend essen und danach ins Theater.

Nach der Freinacht und dem kilometerweiten Herumlaufen war ich so nudelfertig, dass ich mich eiine Stunde hinlegen wollte. Oh Schreck: Als ich aufwachte war schon 18h00, die Zeit, zu der wir abgemacht hatten. Ich rannte trotzdem los, fuhr mit dem Tram an den Treffpunkt, aber natürlich war keiner mehr dort. Man glaubts nicht: 1990 gab’s keine Handys. Ich hatte keine Möglichkeit, meine Klasse oder einen der Lehrer zu erreichen.

Das Gescheiteste wäre gewesen, ins Hotel zurückzukehren und dort auf die anderen zu warten. Aber verdammt, ich war 20 Jahre jung, in einer tollen, fremden Stadt, ausgeruht und wollte etwas erleben. Das war meine Chance! Nur wusste ich natürlich überhaupt nichts über Wien. Ich hatte weder einen Reiseführer noch einen Stadtplan. Und da sass ich nun.

Es hatte einen kleinen Park und zahllose Zeitungsverkäufer. Als ich so auf einer Parkbank sass und überlegte, was ich nun tun sollte, kam einer dieser Verkäufer auf mich zu. Ob ich eine Zeitung wolle. Nein. Was ich hier täte, so jung, so schön und so alleine. Ich riet ihm, mir nicht zu nahe zu kommen. Meine Vorurteile und alles, was ich je von meiner Mutter als Lektion gehört hatte, liess die Alarmglocken in meinem Hinterkopf laut läuten.

Er sei Iraner, und Flüchtling, und Muslim und er dürfe mir schon seiner Religion wegen nichts tun und müsse schon deshalb hilfreich sein.

Ich klagte ihm mein Dilemma. Er lud mich zu sich nachhause ein. Bot mir ein Nachtessen an. Aus irgend einem Grund ging ich mit. Man wollte ja etwas erleben. Angst hatte ich auch.

„Du spinnst! Du kennst den ja nicht mal! Man geht nicht mit fremden Männern! Kein Schwein weiss, wo du bist!“

Die Stimme in meinem Hinterkopf hatte natürlich Recht aber ich hatte keine Lust, auf sie zu hören. Der Mann war sehr freundlich, ich fuhr gemeinsam mit ihm in der Strassenbahn zu seinem Zuhause. Er wärmte mir Couscous und Gemüse auf, wohl die Reste seines Mittagessens. Seine Küche war ärmlich eingerichtet, ganz eng, der Tisch hatte nur Platz für zwei Leute. Er erzählte von seinem Leben, dass er studieren wollte und sich das Geld dafür mit Zeitungsverkauf verdiente. Ich erzählte nicht viel, versuchte nur die innere Stimme zum Schweigen zu bringen, die mir immer lauter ins Ohr heulte.

Als noch zwei jüngere, ebenfalls arabisch aussehende Männer herein kamen – ich nehmen an, sie wohnten ebenfalls dort – bekam ich es endgültig mit der Angst zu tun. Ich stand auf und bestand darauf, dass ich nun in mein Hotel zurückkehren müsste, man mich sonst vermissen würde. Der freundliche Mann, der so uneigennützig eine wildfremde Person mit sich nachhause genommen und sein Abendessen mit ihr, also mir, geteilt hatte, bemerkte mein Unwohlsein und bot mir an, mich zur Strassenbahn zu bringen. Er erklärte mir noch, wie ich fahren musste und wo ich umsteigen sollte.

Ich kann mich nicht mal mehr daran erinnern, ob ich mich bei ihm für das Essen und die nette Gesellschaft bedankt habe!

Wenn ich ihn nach seinem Namen und Adresse gefragt hätte, hätte ich ihm eine Dankeskarte schicken können. Dafür hatte ich aber plötzlich zu grosse Angst. Ich wollte nur noch weg dort.

Deshalb auf diesem Weg: Lieber, freundlicher Fremder, der im Frühjahr 1990 in Wien sein Abendessen mit mir geteilt hat, vielen herzlichen Dank für Deine Hilfe, Deine Freundlichkeit und Dein Verständnis für meine Ängste! Denn ich habe mich Dir gegenüber beleidigend verhalten, als ich so plötzlich davon rannte. Also danke!

Hochtouren

Sobald die Konzentration nachlässt, beispielsweise weil das Prioritätchen sein Recht auf Mama einfordert, beginnt das Gehirn, auf Hochtouren all die Gedanken zu produzieren, die es zuvor während Stunden hervorzubringen sich geweigert hatte. Der perfekte Satz verhält sich ähnlich, wie dieser kleine schwarze Fleck im Augenwinkel: Sobald man ihn zu fixieren versucht, verschwindet er wieder ins periphäre Sichtfeld. Mist aber auch.

Erinnerungsschnipsel

Ich las gerade dieses Buch von Ray Bradbury und schrieb daneben einen Artikel über Camping für eine Publikation aus der Gegend von Kassel. Als ich dann über Bradburys Musenfütterung nachdachte, kamen mir alte Bilder in den Sinn, als wir bei Verwandten meiner Mutter in einem Städtchen namens Hann‘ Münden im Urlaub waren. Da waren wir auch in Kassel. Und an dem Ort, wo die Brüder Grimm ihre Geschichten sammelten und in der Mühle von Max und Moritz. Oder schrieb dort Wilhelm Busch, der begnadete Comiczeichner aus dem vorletzten Jahrhundert, seine genialen Bildergeschichten? Dann war da noch der Wald, in dem sich Hänsel und Gretel verlaufen hatten.

Einen Park mit Zerrspiegeln und einer kleinen Eisenbahn haben wir besucht, und etwas mit Wasserfällen, die man an- und ausschalten konnte. Dort musste man ewig warten und dann waren es nur so kleine Miniaturwasserfälle. Nix Besonderes.

Schon verrückt, was da aus verschütteten Teilen des Hirns plötzlich angeschwemmt kommt, wenn man sich etwas Zeit nimmt und die Gedanken einfach wandern lässt. Da ist mehr, als man auf den ersten Blick vermutet. Vielleicht lohnt es sich, diese Quellen vermehrt anzuzapfen.

Oder lässt man Vergessenes besser ruhen, statt es ans Licht zu zerren?

Ich war auch ein Pferdemädchen

Was folgt ist ein Beitrag zu Anne Schüsslers Blogparade „Das Leben ist kein Ponyhof“.

Pferd mit Pferdemädchen

Pferd mit Pferdemädchen

Meine ein Jahr ältere Schwester fand Pferde doof. Das allein wäre Grund genug gewesen, Pferde cool zu finden. Aber meine Freundin Gabi fand Pferde gut. Ich kann mich nicht mal mehr erinnern, ob sie selber ritt, aber ich musste unbedingt Reitstunden haben. Nun muss man wissen, dass meine Eltern finanziell nicht gerade auf Rosen gebettet waren. Also wünschte ich mir Geburtstage und Weihnachten bei Grosseltern, Patenonkel und -tante und natürlich auch bei den Eltern selber Geld zusammen, um Reitstunden nehmen zu können.

Migros-Clubschule, 10 Stunden für 150 Franken oder so, in der Reitschule Eldorado. Du meine Güte, die gibt es noch. Ich hatte dort Longierunterricht, zehn Stunden an der Longe und zehn Stunden frei Reiten. Es war zwar nicht wie in der Pferdebüchern, die ich wie die meisten Achtjährigen natürlich auch verschlang, aber trotzdem toll. Da man hinfuhr, ritt und wieder heim fuhr, gab es natürlich keine Pferdehof-Clique, keine Krimis zu lösen, nicht mal gequälte Tiere gab es zu retten. Aber schön war es trotzdem.

Ich weiss nicht mehr, weshalb ich aufhörte, dort Kurse zu nehmen. Wahrscheinlich ging meinen Sponsoren das Geld aus oder ich wollte meine Weihnachtswünsche auch wieder mal für Anderes freihalten.

In der dritten Klasse – neun war ich da – bekam ich eine neue Lehrerin, Fräulein D.

Fräulein D. wusste einen Ort, wo man für wenig Geld reiten konnte: Bei einem Hufschmied in Gurzelen, im oberen Gürbetal. Ich war im siebten Pferdemädchenhimmel. Nicht nur durfte ich reiten gehen, sondern auch noch gemeinsam mit meiner geliebten Lehrerin. Der Himmel auf Erden lag auf dem Rücken dieser drei Pferde, die der Mann hatte.

Übrigens bin ich nie runter gefallen. Nur einmal, im Sommer, aus heiterem Himmel, weil ich für einen kurzen Moment vergass, mich vor dem Runterfallen zu fürchten. Und schon lag ich am Boden. Das war während eines Gallopps der Gürbe entlang, dieses hübschen Flüsschens, das meinem Heimattal seinen Namen gibt.

Während zwei Jahren ging ich regelmässig alle zwei Wochen mit meiner Lehrerin reiten, abwechslungsweise mit Isabelle, einem älteren Mädchen auch unserer Nachbarschaft. Zwei Jahre gingen ins Land, ich ritt weiter, wechselte in die Sekundarschule im Nachbarort,

Isabelle hörte Knall auf Fall auf. Ich ging weiter dorthin, nun manchmal auch alleine. Ich war ja ein sehr selbständiges Mädchen. Weitere Jahre gingen ins Land, meine Brüder kamen zu Welt, ein weiterer Schulwechsel, meine Zwangsstörung fing an. Fragen wurden gestellt, aber nicht beantwortet. Reitverbot. Ich überzeugte die Psy dass ich unbedingt wieder reiten müsste. Das Reiten war, so dünkte mich in der Zeit, das Einzige was mir Spass machte.

Als ich mit 15 aufs Gymnasium kam hiess es von Seiten meiner Eltern her, ich könne mir das Reiten fortan selber finanzieren. Also ging ich Mittwochs arbeiten, und Samstags reiten. Meistens mit einer Freundin, weil der Besitzer der Pferde, ein wohl 70jähriger pensionierter Hufschmied, anfing, komisches Zeugs zu reden wenn ich alleine mit ihm auf einen Ausritt ging. Manchmal kam auch meine Schwester mit.

An einem Samstag war ich dann aber alleine mit ihm unterwegs. Nach dem Absatteln bot er mir das „Du“ an. Ich war stolz darauf, er behandelte mich wie eine Erwachsene und nicht mehr wie ein Kind. Um das „Du“ zu besiegeln, wollte er mir ein Küsschen geben. Er stank nach Rösslistumpen, Schweiss und altem Mann und drückte  mich gegen die Stallwand, fasste mir unter dem Pulli unter die Brust und steckte mir seine Zunge in den Hals. Ich wand mich raus und rannte so schnell ich konnte.

Nachher war ich nie mehr reiten. Nur einmal während einer Woche Urlaub in der Camargue, aber das zählt nicht. Diesen Hans habe ich nie mehr gesehen. Jemand hat mir mal noch erzählt, er hätte sich darüber beschwert, dass ich für den letzten Ausritt die Zeche geprell hätte.

Ich hoffe, er ist tot umgefallen!