Im Zug?

Der Vidal Verlag hat einen Wettbewerb zum Thema „Die Frau im Zug“ ausgeschrieben.

Ich studier‘ schon die ganze Woche daran herum, wann ich das letztes Mal Zug gefahren bin. Das war wohl, als ich an Weihnachten zu meinen Grosseltern fuhr? Nein, später, als ich zu einer Weiterbildung fuhr, da nahm ich zweimal den Zug und dachte, ich würde ihn mit dem Prioritätchen dann öfter mal nehmen, weil ihm die Eisenbahn und das ganze Drum und Dran so riesigen Spass machte. Dabei interessierte er sich eigentlich nur für die Rolltreppe.

Im Zug habe ich schon einiges erlebt. Oder die Zugreise stand für die Transition, den Übergang zu einem neuen Abschnmitt meines Lebens. Nach Avignon. Von dort zurück. Eine verpasste Gelegenheit. Ein neues Leben. Aber auch ein altes Leben. Das BBT-Bähnchen, das sieben Jahre lang meine zweite Heimat war. Hier war er Verbindung, vom Elternhaus zur Schule, vom einem Umfeld zum Anderen, aber auch von einer Rolle zur anderen.

Transition und Verbindung. Das ist der Zug. Aber wer ist die Frau darin?

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Murphy oder Freud?

Im Prinzip war ich ja schon die ganze Woche neben den Schuhen. Angefangen hat es Montag Morgen, als mir um Viertel vor Zehn in den Sinn kam, dass der kleine Lieblingsmensch um Zehn beim Kinderarzt anzutanzen hatte. Es lohnt sich schon, ab und zu in die Agenda oder auf den Familienplaner, der direkt neben der Kühlschranktür hängt, zu schauen.

Nicht, dass ich aus dieser Lektion etwas gelernt habe. Neben diversen Widrigkeiten wie das Tanken zu vergessen und auf den letzten Schluck bei der teuersten Tanke des Kantons anzuhoppeln, waren meine letzten paar unzerstörten Gehirnzellen offenbar in der Lage, sich einen Termin von vorletzter Woche noch zu merken. Mit dem winzig kleinen Unterschied, dass er in dieser Woche bereits eine Stunde früher stattgefunden hätte. Hätte ich daran gedacht, in die Agenda zu schauen, dann hätte ich das sicher bemerkt! So aber rannte ich auf den letzten Drücker – ich hatte vorher noch kurz Zeit und fuhr in den Aldi, wo ich mich durch das Was-könnte-ich-noch-kaufen-Rayon wühlte bis ich wirklich, wirklich, wirklich rennen musste um meinen 15-Uhr-Termin noch zu schaffen – bei der Ärztin in die Praxis. Keuchend und schwitzend warf ich mich auf einen freien Stuhl, um sofort den Anschein zu erwecken, schon seit einer halben Ewigkeit relaxed zu warten. Erstaunt kam die Ärztin aus dem Untersuchungszimmer und erklärte meinem fassungslosen Unter-Ich, dass sie bereits eine Patientin hätte und dass sie sich Sorgen um mich gemacht hatte, als ich für meinen 14-Uhr-Termin nicht gekommen sei. Ob es mir gut gehe?

Verlegen sein kann ich!

Wenn ich in diesem Moment in den Boden hätte versinken können, dann wäre wohl der Kern des Planeten geschmolzen, so siedend heiss war mir plötzlich. So aber machte ich einen neuen Termin mit der Ärztin aus und da sie natürlich eine bekannte Koriphäe ist, die auch noch Skifahren gehen will, werde ich erneut mehrere Wochen lang auf einen neuen Termin warten dürfen und jedes einzelne Mal, wenn die Schulter schmerzt, werde ich mich an meine eigene Dämlichkeit erinnern und daran wachsen dürfen.

Nur, wem gebe ich jetzt die Schuld daran? Murphy oder Freud?

Der neue Mieter

Monsieur Knoblauch ging langsam das Geld aus. Die untere Wohnung stand seit Monaten leer und er fand keinen Mieter, der bereit war, die geforderte Summe zu bezahlen. Dabei hatte Monsieur Knoblauch genauestens ausgerechnet wieviel er benötigte, um eine Erwerbstätigkeit vermeiden zu können.

Am der grossen Herbstkirmes von Sainte-Barbara-l’Eglise hatte er die brillante Idee, eine Suchanzeige direkt am Fensterladen zu befestigen. Und siehe da: Es fand sich ein Mieter. Ein freundlicher, unauffälliger Herr durchschnittlichen Aussehens, scheints in einer festen Anstellung und daher imstande, die Monatsmieten zu bezahlen. Monsieur Knoblauch erlaubte sich,  innerlich zu jubeln.

Um den Mann nur ja nicht wieder zu vergraulen – Knoblauchs Bank drohte schon mit Kreditsperrung – liess sich Monsieur Knoblauch gar zu körperlicher Arbeit herab und strich das Appartement in einem edlen Hellgrün. Die Farbe hatte er günstig im Military Surplus erstehen können und sie roch bei näherem Ansehen nicht nach etwas, das er Tag und Nacht einatmen wollen würde, aber wer eine saubere Wand möchte, muss Opfer bringen. Ausserdem stand im Vertrag „frisch gestrichen“, nicht „lösungsmittelfrei“. Monsieur Knoblauch hatte Rechtswissenschaften studiert, bevor er sie als Privatier niederliess, und kannte er sich mit präzisen Formulierungen aus.

Tatsächlich war er am Ende doch noch genötigt, einen funktionierenden Kochherd einzubauen und den Thermostaten der Zentralheizung reparieren zu lassen, weil die bestehenden Mietparteien seine Notlage schamlos ausnutzten und auf Privilegien bestanden. Dabei waren sie bisher zufrieden gewesen.

Herr Knoblauch fand das zwar übertrieben, aber er fügte sich. Was blieb ihm auch anderes übrig?

Der neue Mieter überwies wie vereinbart pünktlich Ende Monat die Miete für den Folgemonat.

Keiner hatte ihn bisher gesehen, die Fensterläden blieben weiterhin geschlossen. Nur manchmal kamen komische Geräusche aus der Wohnung, aber solange sich der neue Mieter nicht über den Lärm der Familie über ihm und die Fahrräder im Korridor beschwerte, war alles in Ordnung.

Mehr wollte Monsieur Knoblauch nicht wissen und begab sich ins Café am Wasserfall, um dort ein Glas Rosé zu trinken und Le Monde Diplomatique zu lesen.

Hochtouren

Sobald die Konzentration nachlässt, beispielsweise weil das Prioritätchen sein Recht auf Mama einfordert, beginnt das Gehirn, auf Hochtouren all die Gedanken zu produzieren, die es zuvor während Stunden hervorzubringen sich geweigert hatte. Der perfekte Satz verhält sich ähnlich, wie dieser kleine schwarze Fleck im Augenwinkel: Sobald man ihn zu fixieren versucht, verschwindet er wieder ins periphäre Sichtfeld. Mist aber auch.

Dieser Durchhänger…

Wenn ich lange an einem Text gebrütet habe, benötigt mein Gehirn ein paar Tage, um sich davon zu erholen.

Einen Text – einen richtigen, bedeutungsvollen – zu schreiben heisst bei mir immer auch, dass mein Gehirn sagen wir zu 50% bei dem Text ist und zwar auch dann, wenn ich esse, bade, spiele, liebe…

Und dann ist er plötzlich raus der Text. Abgeschickt.

Und es entsteht eine Leere. Ich erwache und schaue mich um, meistens herrscht Chaos allenthalben, weil das Prioritätchen natürlich die Situation einer geistig abwesenden Mutter scham- und hemmungslos ausgenutzt hat (nicht, dass ich ihm das zum Vorwurf mache, mit drei Jahren ist das sein Job, alles andere müsste mich direkt zum Psycho treiben) und Mann, wenn ich „so drauf“ bin, grundsätzlich die Flucht in die Werkstatt ergreift und deshalb unmöglich etwas im Haushalt tun kann, so dass paradoxerweise genau immer dann alles an mir hängt, wenn ich weder Kopf noch Zeit dafür habe.

Die entstandene Leere im Innern des Kopfs füllt sich schneller als man „publizieren“ klicken kann mit neuen Gedanken, Ideen, ungefiltert, unstrukturiert. und die Frage taucht auf: „Was nun?“

Was schreibe ich als nächstes? Wie geht es weiter? Wann? So viele Ideen, so wenig Zeit. Und überhaupt. Erst mal schlafen.

Wieso nicht mal ein Krimi?

writers at work

Schreiberlinge bei der Arbeit

Nachdem die Bedürfnisse des richtigen Lebens ™ meinen Kopf wochenlang mit Beschlag belegt hatte, feuert er jetzt im Minutentakt Ideen. Als ob er all die verpasste Schreibzeit nachholen müsste. . Aber natürlich kommen die Ideen während den praktischsten Momenten: Beim Prioritätchenhintern putzen beispielsweise oder während Letzeres mir am Bein hängt und „Mamaaaaaaaaaaaa mir ist laaaaaangweilig, will raaaaaaaaaadfahren gehen“ brüllt. Es ist ein Kreuz!

Suspense war bisher nicht so mein Thema, meine Muse schleppte mir immer diese emotionalen, aber spannungsarmen Familiendramen an. Aber seit ich Patricia Highsmit’s „Suspense“ am lesen bin – in Minutenstücklein auf dem Klo! – kommen mir ständig Ideen, wie sich besagte Familiendramen aufpeppen liessen. Es reisst mich mit aller Kraft zum Schreibtisch, ich wünschte mir zwei Wochen Schreibzeit am Stück, wo das Prioritätchen anderweitig versorgt wäre, aber natürlich würde ich dann auch nicht schreiben weil meine Gedanken bei ihm wären und all den verpassten Entwicklungsschritten.

„Wenn man nur alles haben könnte“, seufzte sie dramatisch und nahm noch einen Schluck von ihrem Milchkaffee.

Also die Ideenlosigkeit ist momentan zum Glück ganz und gar nicht das Problem. Jetzt fehlt nur noch die Zeit, um die Ideen vor dem jüngsten Gericht zu Papier bringen zu können. Aber heute bin ich für einmal sehr zuversichtlich, dass auch das noch kommen wird.

Highsmith: Suspense

Als ich neulich bei Denkzeiten über die Neuauflage von Highsmith’s „Suspense oder Wie man einen Thriller schreibt“ gelesen habe, musste ich mir natürlich sofort ein Exemplar bestellen. Heute ist es nach unendlicher Wartezeit von zwei Tagen endlich in meinem Briefkasten aufgeschlagen.

Die gute Neuigkeit ist: Es sieht aus, wie ein Buch von Diogenes (was es auch ist, mir gefällt deren zeitloses Design einfach vom Optischen her und aus diesem Grund haben Diogenesbücher mehre eigene Etagen an meiner sonst nach Genre und Autor/inn/en geordneten Bücherwand). Bei Diogenes müsste man unterkommen, dann wäre man wer im Buchgeschäft. Aber noch ist Katinka weit davon entfernt, an einen so renommierten Verlag überhaupt zu denken.

Jedenfalls lag die Highsmith heute in meinem Briefkasten. Wie soll ich sagen? Ich habe den Versandumschlag aufgerissen und sofort meine Nase in das Buch gesteckt. Neue Bücher riechen so fein. Der Duft nach frischem Buch verflüchtigt sich sehr schnell. Und deshalb muss ich Bücher immer als erstes mit der Nase aufsaugen. Dann blättere ich ein wenig hin und her, lese die Rückseite, den Klappentext, vielleicht das Vorwort, dann blättere ich zum Ende, schaue es mir sein Schriftbild an, aber ohne es zu lesen, freue mich und hoffe, dass es ein gutes Ende sein wird. Danach lese ich die Lesetipps und Buchbeschreibungen des Verlags auf den letzten paar Seiten und schnüffle zwischendurch immer wieder an den Seiten. Ja, all das tue ich, bevor ich überhaupt mit Lesen anfange. Ich freue mich erst mal richtig schön und schiebe den Moment, anzufangen, vor mir her. So koste ich so lange wie möglich von dem neuen Buch und geniesse das Gefühl, es zu haben, lesen zu dürfen und natürlich die Vorfreude auf den Text selber. Aber allein der Besitz eines neues Buches erfüllt mich mit Freude.

Eigentlich wollte ich über das Buch von Highsmith etwas schreiben und von Rechts wegen müsste ich damit ja auch schon durch sein. Schliesslich hat es nur gerade 165 Seiten Text – ein Nachmittag. Aber ein Nachmittag ohne Prioritätchen, ohne Besuch und ohne Verpflichtungen. Einfach im Garten auf dem Liegestuhl, Sonnenbrille und Eistee – und lesen, lesen, lesen.

Aber heute regnete es.

Also auch kein Liegestuhl und natürlich war dem Prioritätchen sterbenslangweilig.

So habe ich denn, statt mich der Lektüre hinzugeben, mich mit der Konstruktion einer Duplo-Autogarage beschäftigt, nicht ganz ohne Bedauern zwar, aber wann hat man schon die Wahl?

(die Neuauflage ist übrigens auch als E-Buch erschienen)