Im Zug?

Der Vidal Verlag hat einen Wettbewerb zum Thema „Die Frau im Zug“ ausgeschrieben.

Ich studier‘ schon die ganze Woche daran herum, wann ich das letztes Mal Zug gefahren bin. Das war wohl, als ich an Weihnachten zu meinen Grosseltern fuhr? Nein, später, als ich zu einer Weiterbildung fuhr, da nahm ich zweimal den Zug und dachte, ich würde ihn mit dem Prioritätchen dann öfter mal nehmen, weil ihm die Eisenbahn und das ganze Drum und Dran so riesigen Spass machte. Dabei interessierte er sich eigentlich nur für die Rolltreppe.

Im Zug habe ich schon einiges erlebt. Oder die Zugreise stand für die Transition, den Übergang zu einem neuen Abschnmitt meines Lebens. Nach Avignon. Von dort zurück. Eine verpasste Gelegenheit. Ein neues Leben. Aber auch ein altes Leben. Das BBT-Bähnchen, das sieben Jahre lang meine zweite Heimat war. Hier war er Verbindung, vom Elternhaus zur Schule, vom einem Umfeld zum Anderen, aber auch von einer Rolle zur anderen.

Transition und Verbindung. Das ist der Zug. Aber wer ist die Frau darin?

Nadja

In der Sekundarschule ging Nadja in meine Parallelklasse, dann lernte sie Frisörin und ich war auf dem Gymnasium. Wir kannten uns kaum. Nachdem ich aus dem Ausland heimgekommen war, traf ich sie mal in der Stadt und sie sprach mich auf die Frisur an, die ich direkt aus Paris mitgebracht hatte. Kurz und schief, weiss blondiert, passend zu der Lederjacke, liess sie mich wie jemanden aussehen, den man besser in Ruhe liess.

Nadja fand, die Frisur würde zu mir passen. Sie sagte: Du hast Dir doch die Haare ausgerissen, tust Du das nicht mehr?

Ich war platt, denn ich hatte all die Jahre meine Abartigkeit gut versteckt gehabt.

„Weisst Du, ich habe noch andere Kundinnen, die das machen, das kommt oft vor.“

Ich wusste nicht, was ich damit anfangen sollte.

Wir tauschten Adressen.

Trafen uns mal in der Teestube beim Rathaus. Fanden uns sympathisch.

Sie wurde meine Freundin. Sie war mit einem sehr viel älteren Mann zusammen, einem groben, unfreundlichen Menschen, der es nicht gerne sah, wenn sie mit uns eine gute Zeit hatte.

Sie war über Jahre die einzige Person, die an meine Haare durfte. Und sie war die Einzige die es mitbekam, als „es“ wieder schlimmer wurde. Sie tröstete mich, baute mich auf, half mir, „es“ zu verstecken.

Als ich mitbekam, dass ihr Freund sie schlug, war ich eine schlechte Freundin.

Ich wusste nicht, wie ich reagieren sollte. Ich wollte mich nicht aufdrängen. Hatte Angst, mich zu blamieren.

Ich war eine schlechte Freundin.

Dafür schäme ich mich bis heute, 20 Jahre danach.

Ich wollte, ich könnte etwas anders machen. Ich wollte, ich könnte ihr sagen, wie leid mir meine Feigheit von damals heute tut.

Sie kam von dem Mann los, ging ins Ausland, kam zurück, fand ein neues Leben mit einem lieben Mann. Sie hat ihren Weg auch ohne meine Hilfe gemacht. Aber vielleicht wäre es mit meiner Hilfe einfacher gegangen?

Liebste Nadja, manchmal denke ich an Dich und hoffe, Du hast Dein Glück finden können!

Die Frau mit dem Hut

Jahrelang trug ich diesen mir zu grossen, schwarzen Hut.

Ich kaufte ihn in dem kleinen Second-Hand-Laden in der Nähe des Bahnhofes, an dem ich jeden Morgen auf dem Weg ins Gymnasium ausstieg. Er war mir zu gross aber ich hoffte, reinwachsen zu können. Denn ich liess mir ja die Haare wachsen. Fünf lange Jahre lang nahm ich mir täglich vor, die Haare wachsen zu lassen. Was natürlich nicht klappte.

Aber der Hut tat mir gut. Er wurde bald zu meinem Markenzeichen. Ich sah vielleicht nicht gut aus, aber ganz sicher geheimnisvoll. Manche Jungs schauten mir nach. Ich zog den Hut nicht mehr aus, weder zum Unterricht noch beim Essen.

An manchen Tagen, an denen ich mich fröhlich fühlte, mochte ich manchmal sogar ein buntes Tuch um den Hut wickeln, so dass es aussah, wie ein farbiges Band. Nicht gerade, was normale Leute unter fröhlich verstehen würden: „Mein Normal ist Dein Beschissen“, dachte ich in jenen Tagen, wenn mich jemand anzulächeln versuchte. Und blieb deprimiert. Schlechte Laune als Krücke, um jeden Tag aufzustehen und der Welt die Stirne zu bieten.

Was anderes blieb mir ja nicht übrig.

Ich trug meinen schwarzen Hut mit dem schwarzen Band oder an manchen Tagen auch dem blauen Band, schminkte meine Augen schwarz und meine Lippen dunkelrot. Und war stolz. Und stark.

Keiner sah jemals mehr das Mädchen mit der Glatze.

Und keiner sah mich jemals mehr weinen.