Ich war auch ein Pferdemädchen

Was folgt ist ein Beitrag zu Anne Schüsslers Blogparade „Das Leben ist kein Ponyhof“.

Pferd mit Pferdemädchen

Pferd mit Pferdemädchen

Meine ein Jahr ältere Schwester fand Pferde doof. Das allein wäre Grund genug gewesen, Pferde cool zu finden. Aber meine Freundin Gabi fand Pferde gut. Ich kann mich nicht mal mehr erinnern, ob sie selber ritt, aber ich musste unbedingt Reitstunden haben. Nun muss man wissen, dass meine Eltern finanziell nicht gerade auf Rosen gebettet waren. Also wünschte ich mir Geburtstage und Weihnachten bei Grosseltern, Patenonkel und -tante und natürlich auch bei den Eltern selber Geld zusammen, um Reitstunden nehmen zu können.

Migros-Clubschule, 10 Stunden für 150 Franken oder so, in der Reitschule Eldorado. Du meine Güte, die gibt es noch. Ich hatte dort Longierunterricht, zehn Stunden an der Longe und zehn Stunden frei Reiten. Es war zwar nicht wie in der Pferdebüchern, die ich wie die meisten Achtjährigen natürlich auch verschlang, aber trotzdem toll. Da man hinfuhr, ritt und wieder heim fuhr, gab es natürlich keine Pferdehof-Clique, keine Krimis zu lösen, nicht mal gequälte Tiere gab es zu retten. Aber schön war es trotzdem.

Ich weiss nicht mehr, weshalb ich aufhörte, dort Kurse zu nehmen. Wahrscheinlich ging meinen Sponsoren das Geld aus oder ich wollte meine Weihnachtswünsche auch wieder mal für Anderes freihalten.

In der dritten Klasse – neun war ich da – bekam ich eine neue Lehrerin, Fräulein D.

Fräulein D. wusste einen Ort, wo man für wenig Geld reiten konnte: Bei einem Hufschmied in Gurzelen, im oberen Gürbetal. Ich war im siebten Pferdemädchenhimmel. Nicht nur durfte ich reiten gehen, sondern auch noch gemeinsam mit meiner geliebten Lehrerin. Der Himmel auf Erden lag auf dem Rücken dieser drei Pferde, die der Mann hatte.

Übrigens bin ich nie runter gefallen. Nur einmal, im Sommer, aus heiterem Himmel, weil ich für einen kurzen Moment vergass, mich vor dem Runterfallen zu fürchten. Und schon lag ich am Boden. Das war während eines Gallopps der Gürbe entlang, dieses hübschen Flüsschens, das meinem Heimattal seinen Namen gibt.

Während zwei Jahren ging ich regelmässig alle zwei Wochen mit meiner Lehrerin reiten, abwechslungsweise mit Isabelle, einem älteren Mädchen auch unserer Nachbarschaft. Zwei Jahre gingen ins Land, ich ritt weiter, wechselte in die Sekundarschule im Nachbarort,

Isabelle hörte Knall auf Fall auf. Ich ging weiter dorthin, nun manchmal auch alleine. Ich war ja ein sehr selbständiges Mädchen. Weitere Jahre gingen ins Land, meine Brüder kamen zu Welt, ein weiterer Schulwechsel, meine Zwangsstörung fing an. Fragen wurden gestellt, aber nicht beantwortet. Reitverbot. Ich überzeugte die Psy dass ich unbedingt wieder reiten müsste. Das Reiten war, so dünkte mich in der Zeit, das Einzige was mir Spass machte.

Als ich mit 15 aufs Gymnasium kam hiess es von Seiten meiner Eltern her, ich könne mir das Reiten fortan selber finanzieren. Also ging ich Mittwochs arbeiten, und Samstags reiten. Meistens mit einer Freundin, weil der Besitzer der Pferde, ein wohl 70jähriger pensionierter Hufschmied, anfing, komisches Zeugs zu reden wenn ich alleine mit ihm auf einen Ausritt ging. Manchmal kam auch meine Schwester mit.

An einem Samstag war ich dann aber alleine mit ihm unterwegs. Nach dem Absatteln bot er mir das „Du“ an. Ich war stolz darauf, er behandelte mich wie eine Erwachsene und nicht mehr wie ein Kind. Um das „Du“ zu besiegeln, wollte er mir ein Küsschen geben. Er stank nach Rösslistumpen, Schweiss und altem Mann und drückte  mich gegen die Stallwand, fasste mir unter dem Pulli unter die Brust und steckte mir seine Zunge in den Hals. Ich wand mich raus und rannte so schnell ich konnte.

Nachher war ich nie mehr reiten. Nur einmal während einer Woche Urlaub in der Camargue, aber das zählt nicht. Diesen Hans habe ich nie mehr gesehen. Jemand hat mir mal noch erzählt, er hätte sich darüber beschwert, dass ich für den letzten Ausritt die Zeche geprell hätte.

Ich hoffe, er ist tot umgefallen!

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2 Gedanken zu “Ich war auch ein Pferdemädchen

  1. Pingback: Das Leben ist kein Ponyhof. Eine Blogparade. | Ach komm, geh wech!

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